Das richtige Maß finden

Von allem zu viel? Vom Richtigen zu wenig? Unsere Gesellschaft ist an einem Wendepunkt. Während die einen noch immer dem großen Geld, dem größeren Auto, mehr Likes, mehr Followern und höheren Einschaltquoten nachjagen, fangen die Anderen an, Ballast aus ihrem Leben abzuwerfen. Sie ziehen in energiesparende Minihäuser, reduzieren ihren Kleiderschrank auf das Notwendigste und Schönste und gewinnen Schritt um Schritt Lebenszeit für sich zurück.

 

Sie fragen bei ihrem Arbeitgeber nicht zuallererst nach Gehaltssteigerungen, sondern nach Zeit für Familie und Ehrenamt oder nach der Möglichkeit, ein Sabbatical einzulegen. Aus Sicht der Zuwachsjäger ein echter Skandal. Vielleicht aber auch schlicht die Ahnung von einem guten, erfüllten Leben?

 

Hand aufs Herz: Welchen Zuwachs an Glück und persönlicher Befriedigung bietet uns der Besitz des 31. Paars Schuhe? Was fangen wir mit dem 20. Oldtimer oder mit 15 verschiedenen Kajalstiften an? Welcher Stress resultiert aus dem Besitz diverser Mietwohnungen, um die man sich kümmern muss? Und in wie vielen Betten kann man gleichzeitig schlafen?

 

Wer bei den eigenen Eltern beobachten kann, wie viel Mühe mit dem Anhäufen von Besitz über Jahrzehnte verbunden war, und wie groß der Trennungsschmerz von all dem ist, wenn ein Umzug in eine altersgerechte Wohnumgebung ansteht, der kann sich rechtzeitig fragen: Wie viel meiner Lebenszeit möchte ich mit dem Anhäufen von Geräten, Gegenständen, Schmuck- und Kleidungsstücken verbringen? Wie viel kreative und soziale Lebensenergie will ich binden, um immer mehr zu erwerben und dafür immer mehr Raum und immer mehr Aufmerksamkeit zu benötigen?

 

"Unser tägliches Brot gib uns heute", ist eine Bitte aus dem Vater Unser - dem zentralen christlichen Gebet. Für mich heißt das: "Gib mir einfach heute genau das, was ich für ein gutes Leben brauche" - nicht mehr und nicht weniger. Es bedeutet nicht, Vorräte und Puffer für Jahrzehnte zu erhalten. Es bedeutet aber auch nicht, irgendeinen Mangel zu leiden. Sondern es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass jeder von uns an jedem Tag seines Lebens genau das bekommen kann, worum er Gott von ganzem Herzen bittet. Dabei kann es sich um Brot, die passende Arbeitsstelle oder eine positive geistige Anregung handeln. Es kann um tiefgehende menschliche Begegnungen gehen oder um eine gute Möglichkeit, um die eigenen Talente weiter zu entfalten. 

 

"Unser tägliches Brot gib uns heute." Mehr brauchen wir nicht. Es ist ein spannendes Experiment. Probieren wir es aus! 

 

 

 

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